Wie kümmere ich mich um meine psychische Gesundheit?


„Mach dir nicht so einen Kopf!“

„Entspann dich doch mal!“

„Konzentrier dich bitte!“

„Das ist nur eine Phase, Hase. Stell dich nicht so an!“

Wir alle kennen diese und ähnliche Sätze. Aus der Schule, von Eltern, auf Arbeit oder im Privaten. Sie haben gemeinsam, dass es sich um eine Aufforderung handelt unsere psychischen Fähigkeiten zu nutzen oder bestimme mentale Zustände – wie zum Beispiel Anspannung- nicht zu haben.

Gut gemeint, geht aber schief!

Aus mehreren Gründen:

1. Wie funktioniert eigentlich der Geist?

Uns hat selten jemand beigebracht, wie wir mit der komplexen Maschine zwischen den Ohren umgehen sollen. Weder in den meisten Elternhäusern noch in der Schule sind die Themen psychische Gesundheit, Entspannung, gesunder Selbstwert, Bedürfnisse, Gehirn und Geist, Konzentration und und und ... gelehrt worden.

2. Geistige Zustände ablehnen, verstärkt sie

Wenn diese Zustände wie Anspannung, Unkonzentriertheit, gedrückte Stimmung ect. erst einmal da sind, dann sind sie da. Das heißt der Aufforderung nach Anstrengung, nach Unterdrückung der Gefühle, nach Ablenkung funktionieren schlicht und einfach nur sehr kurzfristig. Wie man einen Ball auch nur eine bestimmte Zeit unter Wasser drücken kann bis er hochploppt, ploppen dann auch diese unangenehmen Zustände wieder auf. Wir verstärken diese Zustände damit einfach nur.

3. Strenge hilft selten!

Diese Sätze hallen in unserem Inneren als strenge Aufforderungen rum. Und ganz ehrlich, davon haben wir meistens schon genug in unserem inneren Dialog. Wenn wir unseren eigenen Gedanken länger zuhören, erschrecken wir häufig über den harschen Ton. Das hilft nicht wirklich der psychischen Gesundheit.

Klingt jetzt erstmal nicht so optimistisch. Dabei gibt es doch so viele Angebote in der heutigen Zeit, Ratgeber, Coaches, Listen, Bücher über Selbstverwirklichung, viele merkwürdige Angebote zu Meditation und Yoga, die auch sicherlich alle hilfreich sein können, aber sie alle arbeiten nach dem Prinzip des Mangels, den es auszumerzen und zu verbessern gilt. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Es geht im ersten Schritt nicht um verbessern, nicht um das schlechte Gewissen und das Gefühl von Fehlerhaftigkeit, weil das nur weiteres Gift für unsere Psyche ist!

Der Titel des Artikels heißt nicht „Wie verbessere ich meine psychische Gesundheit?“ sondern „Wie kümmere ich mich um meine psychische Gesundheit?“ Im ersten Schritt sollte man überlegen:

Was für ein Verhältnis habe ich zu meiner psychischen Gesundheit (oder zu meinem Körper generell)? Mögen wir uns? Mag ich meinen Geist? Kommen wir klar? Oder sind wir im Kampf? Oder was dazwischen? Würde ich ihn meinen Eltern vorstellen? Würden wir zusammen in den Urlaub fahren? Sag ich „Sowas sollte ich nicht denken oder fühlen“ oder „Danke, für diese Interessante Idee“.

Die meisten von uns sind eher im Kampf, in der Flucht oder in der Unterdrückung von unseren Gefühlen, unseren Gedanken, unseren Wünschen, unseren Bedürfnissen und unseren Schattenseiten. Sagen wir, das Verhältnis ist angespannt.

Aber wie würde es aussehen, wenn wir eine fürsorgliche, kümmernde Haltung gegenüber unserem Kopf und unserem inneren Erleben zeigen? Der Vergleich zur Mutter ist etwas ausgelutscht, vielleicht eher wie ein Freund oder ein wohlgesonntes Wesen. „Den Mistkerl, der mich nachts wachhält, soll ich jetzt lieben oder was?“

Vielleicht nicht lieben, aber zumindest wertschätzen und akzeptieren. Die Wahrheit ist, mit unseren Gefühlen und Gedanken werden wir mehr Nächte verbringen, als mit unserem Partner.

Schluck. Ja und harmonische, fürsorgliche Beziehungen sind einfach angenehmer.

Was bedeutet fürsorglich also?

  • Uns selbst Zuhören, wie einem guten Freund

  • Wenn wir uns unsere psychische Gesundheit (oder uns selbst) als Pflanze vorstellen: Nach welchen Regeln wachsen Pflanzen? Was brauchen wir um gesund zu wachsen?

  • Die Bedürfnisse unseres Geistes und Körpers ernst nehmen

  • Sich fragen, was gebe ich meinem Geist: welches geistige Futter, welche Ablenkung, welche Inhalte (auch Bildschirminhalte), Aktivitäten und Pausen

  • Annehmen was da ist, d.h. die Gedanken und Gefühle, die schon da sind, sind schon da, das heißt, wir können ihnen auch erlauben, da zu sein

  • Sich mit anderen Personen über unser Inneres auszutauschen, auch wenn es uns unangenehm ist. Wir werden aber sehen, wie ähnlich wir doch gestrickt sind.

  • Nicht alles bierernst nehmen, was der Geist so produziert (am Tag sind es 75.000 Gedanken, von denen nicht alle hilfreich sind) und Mitgefühl mit dieser plappernden Ideenmaschine entwickeln. Am Ende bedeutet es, die Weisheit zu fördern, auf welche inneren Zustände wir reagieren wollen und welche wir einfach weiterziehen lassen.

Je mehr und mehr wir uns mit der eigenen psychischen Gesundheit auseinandersetzen, desto mehr werden wir erfahren, dass man sie durchaus positiv beeinflussen kann. Die Intention sich darum zu kümmern, ist also die motivationale Basis dafür, dass man Dinge tut, die einem guttun, Beziehungen führt, die erfüllen und sich gesund verhält. Die Zauberworte sind Intention und Mitgefühl.

Aus dieser Intention unserem Körper und Geist gegenüber wohlgesonnen zu sein und auch den Seiten in uns, die wir vielleicht momentan ablehnen, mit Mitgefühl zu begegnen, entsteht (um in der Analogie der Pflanze zu sein) der Humus, in dem wir die Samen sähen können, die wir brauchen, um unsere psychische Gesundheit nachhaltig zu fördern. Samen von gesundem Arbeitsethos, Samen von Interesse in unseren engsten Beziehungen, Samen von Freundschaft Abenteuer, Nichtstun, Spaß haben, Verzeihen oder Mut und der Bereitschaft zu lernen.

Und wir werden auch alte Samen erkennen, die vielleicht nicht mehr hilfreich sind. Samen von Hass oder Neid, Zweifel oder Abhängigkeit. Auch um diese können wir uns kümmern. Sie als das ansehen, was sie sind. Alte Samen, die wir selbst oder andere in uns gepflanzt haben. Und anstatt sie wie Unkraut herausreißen zu wollen – das wäre wieder nur ein strenger Akt uns selbst gegenüber- entscheiden wir, sie nicht weiter zu wässern, entscheiden uns, nicht nach ihnen zu handeln.

Sich um die eigene geistige Gesundheit kümmern, heißt also unseren inneren Garten kennenzulernen, die Annahme von hilfreichen und nicht-hilfreichen Mustern in uns selbst und die Bereitschaft ein mitfühlender Gärtner zu werden.

Und jeder Gärtner weiß, man kann die Natur nicht kontrollieren, aber wenn man die richtigen Bedingungen schafft, sich um die Pflanzen kümmert und dann den Rest der Biologie überlässt, werden Früchte wachsen.

23 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Warum wir so viel denken....

Warum wir soviel Denken Ich denke darüber nach diesem Text zu schreiben. Ich denke darüber nach, ob es sich lohnt diesen Text zu schreiben, ich denke darüber nach, wie ich es in meinen Zeitplan bekomm