I am Nature


Ich weiß, manchmal dauert es etwas bis der Groschen fällt. Bei mir vielleicht etwas länger, als bei anderen. (Aber ich hole auf, Meditation scheint wirklich zu funktionieren). Die grundlegendste Einsicht, die mir je gekommen ist – und ich übertreibe hier nicht- ist folgende simple Wahrheit: Ich bin Natur.


Ich weiß, dafür hätte ich nicht Jahre lang meditieren müssen, sondern einfach mal in Biologie aufpassen können, oder in Psychologie… oder im Zoo. Aber es ist etwas anderes, etwas zu wissen oder etwas zu erleben und wirklich zu begreifen. Das ist auch die Grundlage von Meditation: es geht darum zu erfahren. Wirklich tief zu erfahren.


Aber was bedeutet diese Erkenntnis. Nun ja, zuerst einmal, dass man lebendig ist, was schonmal ziemlich cool ist. Zum anderen, dass für uns Menschen die gleichen Regeln gelten, wie für alle anderen Lebewesen, nur dass wir uns dessen bewusst werden können. Wir werden geboren, wir sterben. Wir brauchen bestimmte Bedingungen, um zu wachsen und zu gedeihen, wir neigen dazu angenehme Dinge aufzusuchen und unangenehme Dinge zu vermeiden. Das haben wir alles selbst mit Pflanzen gemeinsam. Wir leben in sozialen Verbunden, weil uns das stärker macht. Wir brauchen als Säugetiere Zuneigung und Liebe, als Landbewohner Sauerstoff und als Tier mit Kreislauf regelmäßig Bewegung, Essen und Trinken. Alle 7 Jahre sind alle Zellen in unserem Körper einmal ausgetauscht worden, auf molekularer Ebene sind wir dann komplett jemand anderes. Leben unterliegt immer dem Wandel, dem Austausch mit der Umwelt und anderen Lebewesen und am Ende dem Tod. Das sind die Regeln.


Klingt jetzt erstmal nicht so nach der Wahnsinnserkenntnis. Aber wenn wir uns das mal näher anschauen, vergessen wir diese Regeln so gerne. Wer von uns weiß schon, was seine guten Bedingungen zum Wachstum sind? Wer isst regelmäßig und das Richtige? Wer sorgt für einen gesunden Austausch mit seiner Umgebung? Wer erkennt an, dass natürliches Leben Erholungspausen braucht, Schmerzen bedeutet und nach jedem schönen Sommer, der Herbst kommt?

Wir definieren uns nicht als Natur, sondern als soziale Rollen mit den dazugehörigen Erwartungen und Normen, mit den sozialen Gewinnen und möglichen Verlusten. Grenzenloses Wachstum, Schönheitsideale, digitaler Persona. Wir identifizieren uns mit diesen Rollen.


Aber soziale Rollen und Normen sind wandelbar. Was im alten Rom gilt, gilt nicht immer heute. Was in Russland gilt, gilt so vielleicht nicht in England. Der Mensch aber bleibt immer Natur, muss immer zu jeder Zeit nach den Regeln der Natur leben. Man kann es ein wenig strecken mit Medizin und Wissenschaft, aber nur ein paar Jahre.

Soziale Normen sind wichtig, sie bilden einen kollektiven Rahmen und geben Halt und Orientierung.


Manche Normen sorgen dafür, dass wir nicht vorschnell handeln. Wir werden bestraft, wenn wir stehlen. Wir werden aber auch belohnt, wenn wir Reichtum anhäufen, wenn wir mehr Arbeiten, wenn wir unsere Rolle ausleben. Dann verschmelzen wir mit unserer Rolle „als strenge Lehrerin“, als „fürsorgliches Elternteile“, als „erfolgreicher Geschäftsmann“. Das Problem sind nicht die Rollen an sich, sondern, dass diese Rollen sehr wahrscheinlich unseren natürlichen Bedürfnisse nicht erfüllen, sondern vor allem soziale Bedürfnisse: Zugehörigkeit, Macht, Anerkennung, Selbstverwirklichung.


Das Gegenargument befasst sich oft, damit, dass wir - wenn wir unserer Natur freien Lauf lassen - ein freudsches „Es“ heraufbeschwören. Tiere fressen ja auch andere Tiere. Ja das tun sie und Menschen werden auch weiter Menschen weh tun. Aber wenn wir uns bewusst machen, dass unsere Natürlichkeit einerseits bedeutet, dass wir Kämpfen, Fliehen, Schmerzen vermeiden und Lust suchen, aber auf der anderen Seite auch, dass wir uns kümmern können, Gruppen bilden, einen zerbrechlichen Körper besitzen und gar nicht so verschieden sind von unserer natürlichen Umgebung – dann haben wir die Wahl. Wir haben in unserer natürlichen Ausstattung als Bonus der Evolution: Bewusstsein über unser Bewusstsein. Wir können uns unserer eigenen Natürlichkeit bewusst werden.


Und das bedeutet nicht, dass wir soziale Rollen aufgeben müssen. Die sind wichtig, aber wir bleiben flexibel, da unter diesen Rollen immer noch eine Natürlichkeit hervorblinkt, die wir anerkennen können.

Wenn wir uns bewusst werden, dass wir immer in die natürlichen Kreisläufe des Lebens eingebunden sind, dann sehen wir eher, was wir wirklich brauchen, dann erkennen wir die Natur auch in anderen Menschen, wissen um das, was sie brauchen, wissen um die Schwierigkeiten eines Lebewesens und verstehen, was es eigentlich heißt, Mensch zu sein.

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