Warum wir so viel denken....

Warum wir soviel Denken

Ich denke darüber nach diesem Text zu schreiben. Ich denke darüber nach, ob es sich lohnt diesen Text zu schreiben, ich denke darüber nach, wie ich es in meinen Zeitplan bekomme, ich denke darüber nach, dass es ein besonders guter Text werden sollte, ich denke darüber nach und werde müde. Ich denke, dass ich erstmal Pause machen sollte….

Eine denkende Gesellschaft

Kommt euch das bekannt vor? Das ist ein sehr typischer Ablauf für (viele) unsere Denkprozesse. Mein Geist ist genauso wie dein Geist darauf schon sehr lange konditioniert. Wir werden in frühster Zeit dafür belohnt unseren Verstand zu nutzen. In der Schule sollen wir einordnen, vergleichen, bewerten, zusammenfassen, erörtern, interpretieren. Unser Gesellschaft feiert „geniale Modelle, „innovative Ideen“ und „neue Erkenntnisse“. Unsere Tage sind durchstrukturiert und müssen minutiös geplant werden. Unsere Arbeitswelt ist hochgradig output-orientiert und verlangt eine enorme Informationsverarbeitung von uns: Daten, Fakten, Neuheiten, Infos, Infos und noch mehr Infos. Zudem sind wir als eine Kultur, die immer mehr individualisiert ist. Und das kann unser Verstand am besten, über uns selbst und das eigene Leben nachdenken….

Versteht mich nicht falsch, ich bin großer Fan einer modernen Gesellschaft, aber es hat eben auch seine Herausforderungen.

Als Descartes mit seinen gewichtigen Satz „Cognito Ergo Sum“ die Aufklärung beschwor, hatte auch der große abendländische Denken wohl nicht geahnt, welche Folgen dies für uns haben würde. Wir machten uns auf die Welt zu vermessen, zu verstehen, gedanklich zu erfassen, kontrollieren und zu rationalisieren und wollten uns von einem einfachen Glauben (sei es der Pabst oder der König) ein für alle mal befreien. Es folgten Dampfmaschinen, Industrialisierung, Demokratie, Modernisierung, Postmoderne, Wissensgesellschaft, Globalisierung und Digitalisierung. Das Versprechen war die Freiheit, zumindest für einen kleinen Teil der Welt. Und nie wieder uns dem einfachen Glauben unterwerfen und stellten Wissen und Denken auf den neuen Thron.

Wir sind zu Denkern und Denkerinnen geworden. Wir haben eine Gesellschaft für das Denken geschaffen. Es entstanden viele Medien, das Internet, Maschinen und ein Großteil unserer Arbeitswelt besteht in dem Austausch und der Einordnung von Informationen, Email, Datensätze, Berichte, Wissensvermittlung und Dienstleistungen. Zwar arbeiten immer noch einige Menschen handwerklich oder mit ihren Händen, aber die Zahl sinkt.

Wir nutzen das Denken um effizient unsere Bedürfnisse zu befriedigen: Nahrung, eine Behausung, und Sicherheit. Auch die Vorlieben für Kultur, Reisen, Wissenserwerb, neue Fähigkeiten, und Unterhaltung sollen den immer hungrigen Geist mit neuem Stoff versorgen. Wir haben die Machine angeworfen und sie brummt und brummt und brummt.

Persönliches Denken

Wir denken auch ganz persönlich viel über uns selbst nach. Meiner Meinung nach aus zwei Gründen: wir wollen wissen, wer wir sind und wir wollen gute Vorhersagen für die Zukunft.

Was heißt das wir wollen wissen wer wir sind?

In unserer Kultur ist es wichtig ein Narrativ zu haben, eine individuelle und auch kollektive Geschichte. Noch stärker vertreten ist dieser Ansatz in den USA. Die berühmte Fairytale vom „Tellerwäscher zum Millionär“ oder dem persönlichen Streben nach Glück ist kulturell tief verankert. In anderen Teilen der Welt ist das eigene Narrativ mehr mit den gesellschaftlichen und kulturellen oder religiösen Identitäten verknüpft. Als Teil der Familie, des Stammes, einer Gemeinschaft oder des Staates. Je individualistischer und plauralistischer eine Gesellschaft aber ist, desto freier aber auch unklarer ist die eigene Identität. Also machen wir uns auf die Suche nach Ansatzpunkten, wer wir sein könnten. Unser Beruf oder unsere Ausbildung dient als Quelle der Identität, unsere politische Einstellung, unser Alter, Geschlecht, unsere Erfahrungen , Fähigkeiten und individuellen Ziele. Da diese identitätsstiftenden Kategorien aber größtenteils wandelbar sind (vor allem in unseren schnellen Zeiten) müssen wir unser Selbstbild ständig überprüfen, hinterfragen, anpassen, korrigieren, was eine enorme Denkleistung erfordert. Zudem ist das Ideal einer individualistischen Gesellschaft, nun ja, individuell, also einzigartig zu sein. Das heißt wir brauchen ein sehr facettenreiches Selbst und eine besondere Geschichte. Wir denken also viel darüber nach, wer wir denn nun wirklich sind, was zu uns passt und was unsere Geschichte bedrohen könnte. Unser Narrativ spießt sich aus den Erinnerungen an die Vergangenheit und die Projektionen in die Gegenwart.

Aber auch die Zukunft zieht unsere Gedanken auf sich. Das hat mir ihrer prägnantesten Eigenschaft zu tun: sie ist unsicher. Das Vorhersagen der Zukunft fasziniert die Menschen schon seit langer Zeit. WahrsagerInnen, Orakel, KaffesatzleserInnen, Traumdeuter gibt es in jeder Kultur. Heute sind es ganz verschiedene Personen von der klassischen WahrsagerIn/ Astrologin hin zur KlimaforscherIn, dem Wetterfrosch, Aktienanlysten, politischen Think Tanks oder die ZukunftsforscherIn. Wir sammeln unendlich viele Daten, um die Zukunft besser vorherzusagen. Die scheinbar endlosen Möglichkeiten des Morgens machen uns nämlich Angst. Selbst wenn die Vorhersagen oft entweder dystopisch oder utopisch sind und selten zutreffen, so beruhigen sie uns doch. Die Zahl an Optionen sinkt auf ein überschaubares Maß und wir müssen nicht endlos alle Szenarien in unserem Geist durchspielen. Aber auch die verbleibenden Optionen beschäftigen unsere Gedanken, wir antizipieren Gefahren und Gelegenheiten, errechnen Gewinne und Verluste, treffen und verwerfen Pläne, fürchten und hoffen.

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Wir denken, weil es sehr viel gibt über das es zu denken gibt, wenn man als Mensch auf einem Planten landet, nicht so genau weiß, was man hier soll, nicht so genau versteht, wie das hier alles abläuft und man nicht so viel Zeit bekommt, obwohl man doch so viele wichtige Fragen zu beantworten hat. Zudem haben wir als vermutlich einige von wenigen Spezies dieses spezielle Tool zum Überleben mitbekommen, wir können Symbole in Zusammenhang setzen und uns somit mit Wörtern, Zahlen und anderen Zeichen die Welt strukturieren und sogar unsere Ideen mit anderen teilen. Das hat ein großes Potential um eine schirr chaotische Welt beherrschbar zu machen. Und wenn man sich so umguckt, haben wir schon einen ziemlich langen Weg zurückgelegt. Wir können auf den Mond fliegen, Bäche stauen, mit 130 km/h von a nach b düsen, haben es zu jeder Jahreszeit warm und im Supermarkt das ganze Jahr frisches Essen.

Das Denken hat seinen Preis.

„Ich habe zu viele Sachen im Kopf!“ Ein Satz den ich sehr oft höre und den ich unterschreiben würde. Die Arbeit. die Finanzen. Die Nachrichten. Die To-Dos, der letzte Streit, die nächste Sitzung und jetzt auch sehr viel Covid. Mein Geist fühlt sich dann an wie das aufgepeitschte Meer, Wellen und Gischt und es erschöpft mich. Der Körper wird angespannt und Stress entsteht. Das liegt daran, dass unser Gehirn kaum zwischen Realität und Gedanken unterscheiden kann. Ein sorgenvoller Gedanke aktiviert unser Stresssystem genauso wie echte Gefahr. Und da denken für viele von uns zur kulturellen Gewohnheit geworden ist, spüren wir diese Effekte eines ständig surrenden Verstandes. Mit uns selbst oft im Zentrum. Wir erleben mentales Ermüden.

Denken ist super. Pausenloses Denken ist einfach zu anstrengend für unser Nervensystem. Zudem sind die wirklichen Antworten auf die großen Fragen des Lebens wohl nicht durch den Verstand, sondern durch Erfahren zu beantworten.

Die buddhistischen Lehren sprechen von Small Mind, wenn wir uns mit den Gedanken wieder um uns selbst drehen und dabei immer neurotischer werden. Wie wir sehen, haben wir eine Welt herum für das Small Mind errichtet. Unsere Aufgabe ist es, Pausen für den Geist und das Denken zu schaffen, um unsere natürlichen mentalen Kapazitäten nicht dauerhaft auszubeuten. Denkfreie Zeit, in der wir fühlen, im Körper sind, nichts tun, genießen, uns mit anderen verbinden oder in der natürlichen Umgebung im Wald oder am Fluss sind, sind extrem wichtig, um unser inneres Gleichgewicht zu halten.

Wenn wir unsere Welt ausbalancieren, dann werden wir auch eine äußere Welt schaffen, die nicht zur Denken und Haben-Wollen fördert, sondern uns guttut. Darüber könnten wir mal nachdenken oder eben nicht-denken.

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