Monkey Mind- Der Affe in unserem Kopf

Er schwingt an der Liane von Ast zu Ast, macht einen ohrenbetäubenden Lärm dabei und lässt uns wahlweise kein Auge zu tun oder raubt uns die Aufmerksamkeit für die Tätigkeiten an denen wir grade sitzen. Er hat seine ganz eigene Meinung davon, was grade wichtig ist, nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau und möchte trotzdem, dass wir ihm jedes Wort glauben, dass er uns entgegenschreit. Sein Habitat liegt immer in der Zukunft oder in der Vergangenheit, aber im Moment kann er nur schwer verweilen. Es langweilt ihn. Und er muss sich ständig beschäftigen: mit den Aufgaben, die noch anstehen, mit den Fehlern, Ärgernissen oder Sorgen, die uns umschwirren.

Dürfen wir vorstellen: Monkey Mind oder unser Affe im Kopf. Dieses Konzept eines immer zu kommentierenden, unruhigen Geistes ist schon sehr alt. Es ist der erste Begleiter eines jeden meditierenden oder Yogi, weswegen der Begriff immer wieder in alten Schriften auftaucht. Aber auch jeder gestresste Großstädter kennt den immer hüpfenden Geist, der uns von Aufgabe zu Aufgabe oder von Website zu Website treibt. Und immer wenn wir uns fragen, wie zur Hölle wir wieder bei diesem Video gelandet sind, hat der Affengeist wohl die Führung übernommen.

Aber warum brüllt der Affe? Die innere Stimme ist weder gut noch schlecht, sondern erhielt ihre Funktion aus einer Zeit in der ein Mangel an Nahrungsmitteln und eine größere Anzahl von Gefahren für den Menschen an der Tagesordnung standen. Der Affe im Kopf, eigentlich eine sprachliche Aufmerksamkeitsform, vergleicht vergangene Gefahren (Raubtiere, andere Menschen), zukünftige Bedingungen (Jagen gehen, Schlafplätze finden) und sucht die Umgebung nach Gefahren und gewinnbringenden Möglichkeiten ab. Das Ganze, damit wir möglichst schnell reagieren können.

In der heutigen Zeit sind die "Gefahren" und Möglichkeiten aber vor allem sozialer Natur: sozialer Status, fehlende Anerkennung, familiärer Streit. Der Affe flüstert uns ins Ohr, wenn unser Ego angekratzt wird, wir uns mehr anstrengen sollten und welchen Kollegen wir besser aus dem Weg gehen. Er zeigt uns das Auto im Sinn, für das wir Überstunden schinden sollen und erzählt uns Geschichten über verpasste Chancen der Vergangenheit, damit wir das ja nicht nochmal machen.


Typische Sätze sind:

„Heute ist Rosenmontag, Rosenmontag vor drei Jahren....“

„Morgen kommt der Chef aus dem Urlaub..."

"Guck mal, XY ist grade im Urlaub, warum bist du nicht im Urlaub?"

"Du bist ganz schön faul, dass du schon wieder nicht joggen gehst"

"Du musst noch einkaufen, ein Geschenk besorgen, die Kinder abholen, Essen kochen....."

"Bei der letzten Prüfung hast du ganz schön versagt!"

"Vorsicht, die Frau da vorne könnte dich abblitzen lassen, wie es am 21.6.2009

in der Bar rechts neben dem Dönerladen passiert ist!"

"Mach dir mal lieber Sorgen um das morgige Bewerbungsgespräch."


Wenn wir diesen Sätzen glauben, steigt unsere Chance krank zu werden, wir sind anfälliger für Suchtmittel und das Stresshormon Cortisol wird ausgeschüttet.

Zudem klaut uns noch etwas anderes: nämlich den Moment. Was sich nach nicht viel anhört, ist in Wahrheit das einzige, was wir haben. Das Jetzt. Jetzt können wir handeln. Jetzt können wir fühlen. Jetzt können wir uns entspannen und leben. Die Meditation oder Achtsamkeit ist ein Mittel dazu diesen Ort wieder in Besitz zu nehmen.

Wie funktioniert das?

Für Mediationsanfänger wird sich der Eindruck ergeben, dass der Affe nur umso lauter brüllt, wenn wir uns zur Meditation hinsetzen. Das ist ganz normal und gar kein Problem. Es zeigt uns lediglich, wie dominant die Stimme in unseren Kopf ist. Es zeigt uns aber auch, dass wir sie von einer gewissen Distanz betrachten können. Wir können den Affen praktisch im Baum sitzen sehen, was uns zur ersten wichtigen Begebenheit bringt: Wir sind nicht der Affe. Was banal klingt, ist auf den zweiten Blick eine -wenn nicht die- wichtigste Erkenntnis. Wir sind nicht der Affe, dann sind wir auch nicht unsere Gedanken, unsere Emotionen, unser Schmerz. Wir haben sie nur. Diese Distanz erlaubt uns zwei Dinge. Wir können entscheiden, ob wir das was da ist hilfreich ist oder nicht, ob wir es glauben oder nicht. Zweitens, können wir erkennen, dass alle Gedanken, alle Gefühle, alle Zustände des Geistes vorüberziehen und vorübergehen.

Durch die Beschäftigung des Affen mit einem Objekt der Aufmerksamkeit (dem Atem, einer Kerze, Körperempfindungen, Stille), kann er zur Ruhe kommen, erkennen, dass er sich grade nicht aufspielen muss und somit nach einiger Übung auch kurze Pausen einlegen kann (Die Nonne Pema Chödröm nennt es, „eine Pause im Heulen der Wölfe“). Diese innere Ruhe erlaubt uns mit Gelassenheit zu sein. Einen kurzen Moment, etwas Raum zwischen dem was passiert und unserer Reaktion zu bringen. Wenn wir also das nächste Mal im Stau stehen, der Bus vor der Nase wegfährt oder wir uns über den Abwasch streiten, können wir vielleicht kurz innehalten, anstatt unseren automatischen und manchmal sehr ungünstigen Reaktionen freien Lauf zu lassen.

Die höchste Kunst ist sicherlich Freundschaft mit diesem Wesen zu schließen, dass uns so sehr nervt. Zu erkennen, dass es ein Teil von uns ist und uns eigentlich nur helfen will, kann ein wenig Milde in die Beziehung bringen und uns lehren uns nicht so furchtbar ernst zu nehmen. Es kann uns zeigen, dass mit ein wenig Selbstliebe der Ton des Affen freundlicher wird, mit ein wenig Ruhe auch der Affe ruhiger wird und mit mehr Aufmerksamkeit im Moment wir den Affen domestizieren können.

Wenn wir also demnächst wieder gestresst sind, dann können wir versuchen nicht zur Zigarette zu greifen, nicht zum Bier, zu Tabletten, zum Fernsehr, zum Handy, zur Schokolade oder noch schnell die Wäsche machen, sondern mit ein paar wenigen Atemzügen den Geist ein Stück weit beruhigen.

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